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Ursachen und Folgen von MPS IV: Überblick

Eine frühzeitige und genaue Diagnose ist für eine krankheitsspezifische Intervention von entscheidender Bedeutung1

Die Mukopolysaccharidose (MPS) IV oder Morbus Morquio ist eine progressive, multisystemische lysosomale Speicherkrankheit, die durch einen Mangel der Enzyme N-Acetylgalactosamin‑6-Sulfatase oder β-Galactosidase verursacht wird. Diese Enzyme sind für den Abbau von Glykosaminoglykanen (GAG) verantwortlich.2 GAG sind an der Bildung von Knochen, Knorpel, Haut, Sehnen und vielen anderen Körpergeweben beteiligt.3 Es wird zwischen zwei verschiedenen Formen unterschieden: Typ A (MPS IVA, Morbus Morquio A) und Typ B (MPS IVB). Diese beiden Typen unterscheiden sich hinsichtlich der genetischen Krankheitsursache. Anzeichen und Symptome können jedoch ähnlich sein und unabhängig von der Krankheitsprogression auftreten.4

Die MPS IV ist eine progressive, systemische und lebenslange Erkrankung und kann systemische Morbiditäten und eine verkürzte Lebensdauer bedingen.1

Die scheinbare Seltenheit der Krankheit, das heterogene Erscheinungsbild und die unterschiedlichen Krankheitsverläufe erschweren die Diagnose, weshalb eine frühzeitige Intervention von entscheidender Bedeutung ist.1 Ungeachtet des Phänotyps können die Symptome zu Endorganschäden fortschreiten. Zu den Risikofaktoren, die zu einer Erhöhung der Morbidität beitragen, gehören:4,5

  • Skelettdysplasie
  • Vermindertes Seh-/Hörvermögen
  • Rückenmarkkompression
  • Minderwuchs und kurzer Hals
  • Respiratorische Probleme
  • Kardiale Probleme
  • Gastrointestinale Störungen
  • Verminderte Belastbarkeit und Beweglichkeit
  • Häufige Operationen
  • Umfangreiche Operationen

Die meisten Patienten mit Morbus Morquio A werden nicht älter als ca. 20 Jahre. Häufige Todesursachen sind Atemversagen, chirurgische Komplikationen und Herzversagen.1

Typisches Erscheinungsbild

Patienten mit MPS IV, die meist als Krankheit des Bewegungsapparats angesehen wird,1 können unvorhersehbare und klinisch heterogene Symptome zeigen oder entwickeln, die weit über die offensichtlichen Manifestationen hinausgehen.6 In der nachstehenden Tabelle sind die möglichen Anzeichen und Symptome von Morbus Morquio A aufgeführt, die entweder allein oder in Kombination mit anderen Symptomen auftreten können und Ihren Verdacht auf Morbus Morquio A wecken sollten.

Clinical-manifestations-of-Morquio-A

Progressive, systemische Manifestationen können zu potentiell schweren kardiovaskulären,1,7–9 pulmonalen,1,6,7,10,11 neurologischen,6,12 muskuloskelettalen,1,6 rheumatologischen,5,13 ophthalmologischen,1,14,15 otolaryngologischen,1,16 hepatischen/abdominalen13 und dentalen6,17 Folgeerscheinungen führen. Im Gegensatz zu anderen MPS-Erkrankungen weisen Patienten mit MPS IV jedoch keine kognitiven Beeinträchtigungen auf.

Besonders zu erwähnen ist, dass 70 % der Patienten innerhalb der ersten zwei bis drei Lebensjahre ungewöhnliche Skelettmerkmale zeigen.6 Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass ungefähr 25 % der Patienten mit Morbus Morquio A einen nicht-klassischen Phänotyp aufweisen.5

MPS IV: Vielfältige Krankheitsverläufe und Erscheinungsbilder

Die Patienten können klassische oder nicht-klassische Muster von Anzeichen und Symptomen zeigen. Bei Patienten mit nicht-klassischem Phänotyp ist die Zeit bis zur Diagnose im Verhältnis zum Auftreten der Symptome häufig signifikant verzögert.1

Unterschiedlicher Krankheitsverlauf bei Patienten mit Morbus Morquio A18

Ungeachtet des Phänotyps1 können die Symptome zu Endorganschäden fortschreiten.

Das Unterschätzen nicht-klassischer Phänotypen bei Morbus Morquio A kann zu einer verzögerten oder ausbleibenden Diagnose mit erheblichen Folgen führen:

  • Schwere multisystemische Komplikationen1,19
  • Irreversible oder Endorganschäden19
  • Verzögerter Beginn einer Enzymersatztherapie (EET) zur Korrektur des zugrundeliegenden Enzymmangels20
  • Fehlender Zugang zu krankheitsspezifischer Behandlung mit gleichzeitigem Anstieg des Risikos der Operationsmortalität21‑24

Chirurgische Aspekte

Patienten mit Morbus Morquio A müssen häufig operiert werden und weisen eine hohe Operationslast auf. Laut einer Studie zum natürlichen Krankheitsverlauf bei Morbus Morquio A hatten sich 70 % der Population (Durchschnittsalter 14,5 Jahre) mindestens einer Operation unterzogen.7

Die chirurgische Anamnese eines Patienten und dessen Operationsbedürftigkeit sollten auf eine mögliche MPS IV aufmerksam machen.

Genetik und Pathophysiologie

Morbus Morquio A und MPS IVB werden durch Mutationen in den Genen GALNS und GLB1 verursacht, die für die Enzyme N-Acetylgalactosamin‑6-Sulfatase bzw. β-Galactosidase codieren.1,25 Die daraus resultierenden Enzymmangelzustände führen zu verschiedenen Stoffwechselstörungen, insbesondere einer Anreicherung der GAG-Substrate Keratansulfat und Chondroitin‑6-Sulfat in den Lysosomen des gesamten Körpers.1,26

Bisher wurden mehr als 220 Mutationen im GALNS-Gen identifiziert, die eine ausgeprägte geno- und phänotypische Heterogenität bedingen.1

Durch die Anreicherung der Lysosomen nehmen diese zunehmend mehr Raum im Cytoplasma ein, wodurch andere Organellen verdrängt und die Funktion der Zellen gestört werden.27 Die mangelnde Enzymaktivität bei MPS IV führt zu Funktionsstörungen von Zellen, Geweben und Organsystemen, die wiederum in progredienten, multisystemischen Morbiditäten resultieren, welche das prägende Merkmal dieser Erkrankung sind.1,6

Wichtige Behandlungsaspekte

Die derzeitige Forschung transformiert die Behandlung der Patienten:

  • Das Verständnis der Notwendigkeit einer multidisziplinären, koordinierten Versorgung und einer perioperativen Versorgung und Überwachung ist jetzt größer1,6
  • Für Morbus Morquio A ist jetzt eine EET verfügbar, die gegen die zugrundeliegenden Stoffwechselstörung angeht29

Die im Jahr 2014 veröffentlichten „International Guidelines for the Management and Treatment of Morquio A Syndrome‟ setzen den Therapiestandard für Morbus Morquio A. Aufgrund der progressiven Natur der Krankheit drängen die Leitlinien auf die frühzeitige Einleitung der Behandlung mit einer EET.

Neben der EET sind die fortlaufende lebenslange Behandlung und die chirurgische Versorgung durch ein multidisziplinäres, koordiniertes Versorgungsteam weitere unerlässliche Bestandteile für die Optimierung der Patientenergebnisse.6 Unterstützende Behandlungsmaßnahmen umfassen sowohl medikamentöse Maßnahmen als auch chirurgische Eingriffe, darunter:1,6,7

  • Nichtsteroidale Antiphlogistika bei Gelenkschmerzen
  • Antibiotika bei Lungeninfektionen
  • Sauerstoffgabe bei beeinträchtigter Lungenfunktion und obstruktiver Schlafapnoe
  • Zervikale Wirbelfusion und/oder Dekompression
  • Femorale Osteotomien zur Beinbegradigung
  • Korrektive Knieoperation bei schwerem Genu valgum

Aufgrund der unvorhersehbaren, multisystemischen Natur der MPS IVA sind regelmäßige, multidisziplinäre umfassende Untersuchungen und Behandlungen durch ein koordiniertes Versorgungsteam auch erforderlich, um Anzeichen von Organschäden zu erkennen und optimale Patientenergebnisse sicherzustellen.1,6 Ärzte können die Behandlung optimieren, indem sie für jeden ihrer Patienten einen individuellen Behandlungsplan erstellen und zunächst einen gründlichen Untersuchungsplan für die einzelnen von MPS IVA betroffenen Körpersysteme aufstellen.1

Ongoing-multisystemic-assessments-in-patients-with-Morquio-A_AMc

Nach der Bestätigung der Diagnose sollten Ausgangsuntersuchungen durchgeführt und unverzüglich eine EET eingeleitet werden. Eine EET kann eine signifikante Verbesserung der im 6-Minuten-Gehtest bestimmten Ausdauerleistung bewirken. Eine signifikante Veränderung im 6-Minuten-Gehtest spiegelt die Verbesserung oder Verschlechterung des funktionellen Status von Herz, Atmung und Bewegungsapparat sowie eine Veränderung der Krankheitsprogression wider.1,26 Zusätzlich zur EET sind fortlaufende umfassende Beurteilungen, symptomatische Behandlungen, chirurgische Eingriffe1,7 und eine kontinuierliche Versorgung vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter für Patienten und deren Angehörige, die mit MPS leben, von großer Wichtigkeit.1,30

Chirurgische Aspekte

Patienten mit MPS IV benötigen oftmals chirurgische Eingriffe, um die multisystemischen Krankheitskomplikationen zu korrigieren.7 Diese chirurgische Versorgung wird durch die Natur der Krankheit erschwert.

Patienten mit MPS IV weisen mehrere Faktoren auf, die das Risiko bei einem chirurgischen Eingriff erheblich erhöhen können und überwacht werden müssen:33

  • Verminderte Atemkapazität
  • Beeinträchtigte kardiovaskuläre Funktion
  • Skelettmorphologie
  • Instabilität der Halswirbelsäule
  • Komplexe Atemwegsstruktur

Diese Faktoren erschweren die chirurgische und anästhetische Versorgung, machen eine Vorausplanung erforderlich und setzen den Einsatz krankheitsspezifischer Techniken voraus, um optimale Behandlungsergebnisse zu erzielen.33

Der Nutzen eines Eingriffs bei Patienten mit MPS IV sollte stets gegen die jeweiligen Risiken abgewogen werden.33

Spezielle perioperative Maßnahmen während der Anästhesie, wie etwa Intubation und Extubation, und eine Überwachung mittels intraoperativem Neuromonitoring sind für erfolgreiche chirurgische Eingriffe unerlässlich.1,33 Für positive und nachhaltige Behandlungsergebnisse ist ein integriertes chirurgisches Team von MPS-IV-Spezialisten von entscheidender Bedeutung.1

Übergang zur Betreuung im Erwachsenenalter

Wenn Patienten mit MPS IV das Erwachsenenalter erreichen, wird sich ihr Verhältnis zu ihren Behandlern verändern. Für einen reibungslosen Übergang sind individuelle Konzepte erforderlich, um Unterbrechungen der Behandlung zu minimieren, Unterstützung jenseits pädiatrischer Betreuung und elterlichem Beistand zu gewährleisten und um sicherzustellen, dass erwachsene Patienten über die Behandlung der MPS IV gut informiert sind.1,30

Diese Transitionskonzepte sollten auf die jeweiligen Bedürfnisse eines jeden Patienten zugeschnitten werden, damit allen, die sich selbstständig um ihre Behandlung kümmern möchten, die erforderlichen Hilfsmittel zur Verfügung stehen, während denjenigen, die Unterstützung benötigen, die entsprechende Betreuung und die dafür benötigten Dienstleistungen angeboten werden können. Im Rahmen eines solchen Konzepts sollte auch bewertet werden, wie wahrscheinlich es ist, dass die Patienten die gesetzten Ziele erreichen, und ob sie ausreichend in der Lage sind, Angaben zu ihrem Zustand zu machen.30

Optimieren Sie die Patientenergebnisse mithilfe einer koordinierten Behandlung.

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